Unsere Gesellschaft - behinderte und nicht behinderte Menschen

Für viele Menschen bedeutet Integration behinderter Menschen leider immer noch, dass man diese "mitmachen" lässt. Noch viel zu wenig hat sich in unserem Bewusstsein etabliert, dass auch behinderte Menschen für die Allgemeinheit wertvolle Leistungen erbringen können und integrativer Bestandteil der Gesellschaft sind. Es ist höchste Zeit diesen "Inklusiven" Gedankenansatz im Bewusstsein der Menschen zu etablieren.

Der Gedanke der Inklusion ist an sich nicht neu. Er geht davon aus, dass unsere Gesellschaft aus behinderten und nicht behinderten Menschen besteht und jeder Mensch als Teil der Gesellschaft einen Beitrag zu dieser leistet. Die Möglichkeiten für einen solchen Beitrag sind sehr individuell, aber schon der Ansatz selbst sollte dazu führen, einen respektvollen Umgang mit allen Menschen zu fördern.

Fast alle die mit behinderten Menschen arbeiten vertreten die Meinung, dass sie selbst von dieser Arbeit, von den Bekanntschaften und Freundschaften die sich so ergeben, profitiert haben. Warum ein Großteil der Gesellschaft auf diese Perspektive verzichtet, kann ich mir nur mit "Angst vor dem Anderssein" erklären.

Was dieses "Anderssein" bedeuten kann wurde mir bewusst, als ich mit einem blinden Herrn sprach und er mir im Verlauf der Unterhaltung im Plauderton mitteilte, dass er eigentlich gar nicht anders sein möchte als er ist. Er ist gut ausgebildet, Eigentümer einer Firma die sich mit Hilfsmitteln für Blinde und sehbehinderte Menschen befasst, verheiratet und hat viele Freunde. Seine Welt ist ganz bestimmt eine andere als die, die wir kennen und uns vorstellen können, aber er ist mit seiner Welt zufrieden.

Eine wesentliche Voraussetzung für diese Einstellung ist zweifellos die Ausbildung. Oft werden Begabungen aufgrund von Behinderungen in anderen Bereichen nicht erkannt und gefördert. Die Selbstverständlichkeit eine der geistigen Fähigkeiten entsprechende Ausbildung zu bekommen ist einer der wesentlichsten Aspekte, wenn wir eine Gesellschaft aufbauen wollen in der jeder Mensch einen Beitrag entsprechend seiner Fähigkeiten leisten kann. Behinderte Menschen sind oft auf die Unterstützung ihrer Familien angewiesen und es bedarf mitunter erheblicher Anstrengungen die Hürden zu überwinden um als behinderter Mensch zu einer hochqualifizierten Ausbildung zu kommen.

Wenn man sich vor Augen hält wie frustrierend dieser Kampf für einen Menschen sein muss, nur um an Ausbildung heranzukommen die für jeden anderen gleich intelligenten aber nicht behinderten selbstverständlich ist kann ich mir gut vorstellen, warum Menschen bitter und frustriert werden und schließlich resignieren.

Wir, als Gesellschaft oder System haben dann einen Menschen dazu gezwungen, lebenslänglich auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Wir haben diesem Menschen verweigert sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich selbst entsprechend seiner Fähigkeiten zu entwickeln. Wir haben ihn gezwungen von Unterstützungen zu leben, weil wir ihm die Möglichkeit verweigert haben sich die Voraussetzungen dafür zu schaffen seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

Genau diese Unterstützungen und Leistungen, insbesondere die damit verbundenen Kosten, werden von der Öffentlichkeit wahrgenommen und führen zum Bild des "Behinderten als Kostenfaktor" in unserer Gesellschaft.

Natürlich kann nicht jeder behinderte Mensch unmittelbar in den Arbeitsprozess integriert werden. Die Möglichkeiten sind sehr individuell. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass eine gute Ausbildung für alle Menschen auch dazu führt den Betreuungsaufwand an sich zu verringern.

Ausbildung führt dazu, dass sich Menschen selbst beschäftigen können und Interessen entwickeln. Es ermöglicht, unabhängig von den körperlichen Möglichkeiten, eine als sinnvoll empfundene Beschäftigung die zu einem Selbstwertgefühl und zu einer gegenseitigen Wertschätzung führt. Ausbildung als selbstverständliches Recht fördert auch die persönliche Entwicklung. Wer immer nur fast mit Gewalt durchsetzen muss in die nächste Schulstufe übernommen, oder zum nächsten Kurs zugelassen zu werden wird dieses Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit in seinem späteren Leben beibehalten. Das führt in Betrieben und Arbeitsstätten mitunter zu Problemen und Missverständnissen zwischen behinderten und nicht behinderten Mitarbeitern.

Natürlich kostet Ausbildung Geld und es ist mitunter nicht leicht behinderten Menschen eine solche Ausbildung zu ermöglichen. Hinzu kommt, dass man die reine Kostenersparnis die sich daraus ergibt nur schwer kalkulieren kann und daher eine genaue Kosten-Nutzenrechnung basierend auf Geldbeträgen nicht möglich ist. Ich persönlich bin der Meinung, dass auf lange Sicht in jedem Fall die gesamte Gesellschaft profitieren würde. Nicht zuletzt durch andere Gedanken und Perspektiven die, wie sich in der Vergangenheit gezeigt hat, oft zu alternativen Lösungsansätzen für Probleme und zu Entwicklungen führen die vorher "undenkbar" waren. Insbesondere Wissenschaft und Forschung könnten davon sehr stark profitieren.

Vor allem aber würde man einer ganzen Gruppe unserer Gesellschaft eine große Last abnehmen, wenn der Zugang zu Ausbildung für alle Menschen real selbstverständlich gemacht würde. Man könnte sehr viel Leid und Frustration verhindern, wenn sich das Bewusstsein etabliert, dass die geistigen Fähigkeiten von körperlichen Behinderungen absolut unabhängig sind und Ausbildung auch bei vorliegen von geistigen Behinderungen sinnvoll ist.

Anton F. Neuber (Aug. 2006)