Wissenschaft als berufliche Perspektive für behinderte Menschen

Trotz steigender Zahl behinderter AbsolventInnen der Universitäten sind behinderte Menschen kaum in wissenschaftlichen Berufen und Gremien zu finden. Dadurch gehen der Gesellschaft nicht nur wertvolle Perspektiven und Betrachtungsweisen verloren, die Behinderten selbst verzichten damit auf eine Chance sich der Öffentlichkeit zu präsentieren und so die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Obwohl die Zahl der Menschen die trotz körperlichen Behinderungen ein Hochschulstudium absolvieren kontinuierlich ansteigt, bleiben nur sehr wenige an den Universitäten und in der Wissenschaft. Selbst das Statistische Zentralamt liefert keine Daten über behinderte Menschen und die berufliche Weiterentwicklung nach einem Hochschulstudienabschluss.

Dies ist umso erstaunlicher, als praktisch anerkannt ist, dass eine körperliche Behinderung in keiner Weise mit geistigen Einschränkungen einhergehen muss, und aus meiner Perspektive die Wissenschaft für behinderte Menschen ein attraktives Betätigungsfeld ist.

Als ich begann mich mit dem Thema dieses Vortrages zu beschäftigen, hatte ich gehofft viele behinderte Menschen an den Universitäten zu finden, da ich persönlich davon überzeugt bin, dass gerade die Perspektiven dieser Absolventinnen und Absolventen wertvolle Aspekte für Forschung und Wissenschaft liefern können. Es hat sich sehr schnell herausgestellt, dass dies keineswegs der Fall ist und Universitätsabsolventinnen und Universitätsabsolventen mit Behinderungen in andere Bereiche oder ehrenamtliche Tätigkeiten abwandern.

Abgesehen von den rein pragmatisch wirtschaftlichen oder ökonomischen Aspekten glaube ich aber noch aus anderen Überlegungen, dass die Wissenschaft ein wichtiger Aspekt für die Entwicklung und die Berufswahl behinderter Menschen sein sollte.

Diese Überlegung basiert auf der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Öffentlichkeitsarbeit und dem an der Universität Wien, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, von einer Arbeitsgruppe um Professor Dr. Roland Burkart entwickelten Konzept von "Verständigungsorientierter Öffentlichkeitsarbeit"[1]. Dieses Konzept geht davon aus, dass die Veränderung von öffentlicher Meinung durch reine Information allein nicht erreicht werden kann. Information ist natürlich ein wesentlicher Bestandteil bei dem Bemühen, Verständigung im Hinblick auf wechselseitiges Einvernehmen herzustellen.

Unabhängig von welchem Modell der Kommunikation man ausgeht entsteht Öffentlichkeit (stark vereinfacht) in mehreren Schritten über Medien und Meinungsbildner oder "focus groups". Über diese Kommunikationswege werden bestimmte Argumente verbreitet oder unterdrückt. Damit eine Botschaft aber überhaupt an einen potentiellen Rezipienten so herangetragen werden kann, dass sie auch wahrgenommen wird, muss Interesse oder Betroffenheit beim Rezipienten geweckt werden. Ist dieses Interesse und ein gewisser Informationsgrad erreicht, kann über eine entstehende wechselseitige Kommunikation daran gearbeitet werden, gegenseitiges Verständnis wachsen zu lassen und im Idealfall auch zu erreichen. Je besser es gelingt die Anliegen verständlich und glaubhaft zu übermitteln, desto eher kann eine Einigung erreicht werden. Dieser Prozess ist umso leichter, je transparenter die Vorteile für alle Beteiligten kommuniziert werden können.

Betrachtet man das Bild der Behinderten in der Öffentlichkeit, so ist "Behinderung" sehr stark mit den Attributen "hilfsbedürftig" "Subventionen" "unselbständig" bis hin zu "hilflos" - aber vor allem mit der Grundhaltung "Behinderte kosten der Gesellschaft sehr viel Geld" verbunden.

Auf viele behinderte Menschen treffen diese Begriffe in keiner Weise zu. Dennoch werden sie von unserer Gesellschaft kaum als gleichwertige Mitglieder anerkannt, da ihre Tätigkeiten und Aktivitäten nicht entsprechend wahrgenommen, geschweige denn geschätzt werden.

Viele behinderte Menschen leiden darunter, dass sie oft selbstverständlich mit "Du" anstatt mit "Sie" angesprochen werden, wie ihre nicht behinderten Freunde und Kollegen. Das erscheint auf den ersten Blick als Kleinigkeit und oberflächlich. Wenn man sich jedoch vor Augen hält welche Bedeutung diese Form der Anrede in unserer Kultur oder Gesellschaft hat, so erlaubt gerade dieses Verhalten wesentliche Rückschlüsse auf die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber den behinderten Mitmenschen.

Ich führe dieses Verhalten der nicht Behinderten gegenüber Behinderten darauf zurück, dass unsere Gesellschaft Behinderte Menschen nicht als Teil der Gesellschaft wahrnimmt und entsprechend behandelt. Der Begriff "Integration" selbst ist für mich ein Indiz für diese Art der Sichtweise. Man kann nur jemanden "integrieren" der nicht dazu gehört. Für mich ist der Begriff im Zusammenhang mit behinderten Menschen überholt, seit er im Konzept der "Inklusion" oder "inklusiven Gesellschaft" weitergedacht wurde.

Inklusion heißt für mich dass es nur Menschen der Gesellschaft gibt, also alle Menschen Teil der Gesellschaft sind. Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen - aber Menschen die sich danach sehnen nicht nur akzeptiert, sondern auch geschätzt zu werden. Diese Sichtweise ist für mich keine Utopie. Behinderte Menschen haben bewiesen dass sie große Leistungen vollbringen können. Dies gilt in der Literatur ebenso wie in der Physik, Musik und vielen anderen Bereichen des Lebens. Wenn unsere Gesellschaft die Rahmenbedingungen für eine individuelle Entwicklung, Ausbildung und Entfaltung zur Verfügung stellen kann, bin ich davon überzeugt, dass noch viel mehr behinderte Menschen als heute in der Lage sind einen Beitrag für unsere Gesellschaft zu leisten, der von der Öffentlichkeit als wertvoll anerkannt und wahrgenommen wird.

Untermauert wird diese Überzeugung durch die Tatsache, dass auch in der Vergangenheit viele revolutionäre Erkenntnisse, Entwicklungen und Entdeckungen, die aus heutiger Sicht eigentlich auf der Hand lagen, erst möglich waren, nachdem entweder zufällig oder innovativ andere Betrachtungsweisen und Denkmodelle angewendet wurden und so Zusammenhänge gefunden werden konnten die vorher als "undenkbar" galten.

Aus diesem Blickwinkel sehe ich die Wissenschaft als berufliche Perspektive für behinderte Menschen. Ich sehe diese als Möglichkeit, die öffentliche Meinung über Mitwirkung behinderter Menschen an wissenschaftlichen Leistungen und am wissenschaftlichen Diskurs und die daraus resultierende mediale Berichterstattung darüber behinderte Menschen in ein anderes Licht zu rücken und das Bewusstsein in der Öffentlichkeit zu entwickeln, dass alle Menschen für die Gesellschaft wertvoll sind.

Ich halte es für essenziell, das "Almosendenken" über Bord zu werfen und eine real gleichberechtigte Zusammenarbeit anzustreben. Wenn die Leistungen der behinderten Mitmenschen in der Öffentlichkeit kommuniziert werden, kann auf diese Weise eine als wertvoll wahrgenommene und respektierte Teilhaberschaft an unserer Gesellschaft und Kultur entstehen. Das ist aus meiner Sicht Voraussetzung für eine dauerhafte, selbstverständliche Gleichstellung behinderter Menschen.

Die Wissenschaft ist für mich einer der Kultur bildenden Aspekte unserer Gesellschaft. Politik und Kunst zähle ich ebenso zu Möglichkeiten auf die Gesellschaft zu wirken. Die Wissenschaft erscheint mir jedoch neben den politischen Bemühungen um passende Rahmenbedingungen als wesentlichster Bestandteil, um diese Art der Änderung von öffentlicher Wahrnehmung behinderter Menschen zu realisieren.

Ich glaube nicht, dass Politik allein in der Lage ist, die öffentliche Meinung über behinderte Menschen in einem Ausmaß und in der Geschwindigkeit zu ändern, die erforderlich wäre, um ein generelles Umdenken zu erreichen. Sehr wohl ist die Politik dafür verantwortlich die Rahmenbedingungen zu schaffen, die den behinderten Menschen ihre persönliche Entwicklung ermöglicht und eine reale Gleichstellung garantiert.

Ich sehe die Aufgabe behinderter Menschen in der Wissenschaft also nicht nur darin neue Erkenntnisse zu erlangen, sondern die öffentliche Meinung und das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verändern.

Wie bereits ausgeführt genügt es meiner Überzeugung nach nicht, behinderte Menschen zu integrieren. Jeder Mensch hat nicht nur das Bedürfnis geduldet zu werden, sondern den Wunsch nach Anerkennung, nach dem Gefühl gebraucht zu werden und "wertvoll" für die Gesellschaft zu sein und auch so gesehen und anerkannt zu sein. Für mich besteht ein großer Unterschied darin jemanden zu respektieren und jemandem Wertschätzung entgegenzubringen.

Wertschätzung beinhaltet das Bewusstsein, dass derjenige, dem sie entgegengebracht wird wertvoll ist und für mich ist das jeder Mensch.

Unsere Gesellschaft traut den behinderten Menschen das gewaltige Potential offenbar nicht zu, von dessen Existenz ich überzeugt bin.

Ich kann mir das nur aufgrund der geschichtlichen Entwicklung unserer Gesellschaft erklären. Das Bewusstsein vieler Menschen ist scheinbar immer noch von Wertempfinden in Verbindung mit körperlicher Leistung für Produktion und Landwirtschaft geprägt. Obwohl der Anteil an körperlich produktiven Berufen immer mehr zugunsten der Tätigkeiten im Bereich Services, Dienstleistungen und Informations- und Kommunikationstätigkeiten abnimmt, ist das Bewusstsein von "Produktivität" in der Öffentlichkeit immer noch mit "körperlicher Leistung" verbunden. Ich glaube es ist höchste Zeit das zu ändern.

Nur aus dieser Perspektive heraus kann ich nachvollziehen, dass behinderten Menschen nicht die gleichen Ausbildungsmöglichkeiten in gleicher Qualität zugestanden werden wie nicht behinderten Menschen.

Auch jetzt werden von behinderten Menschen außerordentliche Leistungen erbracht. Oft führt das aber dazu, dass diese Menschen auf virtuelle Podeste gehoben und in einer Art in den Medien präsentiert werden, die der Öffentlichkeit ein sehr verzerrtes Bild der realen Situation behinderter Menschen vermittelt. Gleichzeitig wird es so sehr schwierig für diese Menschen ein Teil der Gesellschaft zu sein, weil sie sozusagen "über" die Gesellschaft gehoben und somit wieder in eine Isolation gedrängt werden.

Ich erlebe immer wieder dass die Ausbildung von behinderten Menschen sehr eng mit dem Engagement von Eltern, Angehörigen, Lehrern und Förderern verbunden ist und vieles, was für nicht behinderte Menschen selbstverständlich ist, für behinderte Menschen, wenn überhaupt, nur nach Diskussionen oder Protest möglich ist.

Mit diesem Verhalten prägt unsere Gesellschaft aber auch die behinderten Menschen selbst und trägt so keineswegs zu einer Inklusion der behinderten Mitmenschen bei. Ganz im Gegenteil. Behinderte Menschen werden gezwungen sich alles zu erkämpfen und das dabei antrainierte Verhalten führt im späteren Berufsleben oft zu Missverständnissen und Problemen.

Dies gilt aus meiner Sicht insbesondere auch dann, wenn Begabungen erkannt und dann gezielt, exzessiv gefördert werden. Die Aussage von einem blinden Freund: "Mir wurden durch diesen Sonderstatus wesentliche persönliche Entwicklungsmöglichkeiten genommen und das tut mir aus heutiger Sicht sehr leid." Hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Was ich vor allem vermisse, ist die Selbstverständlichkeit der Gesellschaft im Umgang mit behinderten Menschen. Viele Menschen begegnen Behinderten sehr reserviert, oft fast peinlich berührt. Warum eigentlich? Für mich ist es ein Faktum, dass behinderte Menschen die Welt anders erleben, als ich selbst, und ich bin immer wieder beeindruckt wie sie die Schwierigkeiten meistern mit denen sie konfrontiert werden. Ich freue mich auch sehr über die Entwicklung, dass immer mehr behinderte Menschen auf die Straßen kommen und von der Öffentlichkeit als Teil dieser erlebt werden. Dies fällt mir besonders bei den gehörlosen Menschen auf, aber auch Rollstuhlfahrer und blinde Menschen treten immer selbstbewusster in der Öffentlichkeit auf und leisten so wertvolle Arbeit für die Inklusion oder besser dazu, dass die Gesellschaft die behinderten Mitmenschen als Teil der Gesellschaft sieht und auch entsprechend behandelt.

Ich habe mit sehr vielen Menschen gesprochen die mit Behinderten arbeiten. Fast alle waren der Meinung, dass sie von den behinderten Menschen mit denen sie arbeiten sehr viel gelernt haben und ich möchte das an dieser Stelle ausdrücklich nicht auf körperliche Behinderungen eingeschränkt wissen.

Die Vision ist eine Gesellschaft, die den Wert jedes Menschen achtet und ich bin überzeugt, dass ein unglaublich großes Potential in unseren behinderten Mitmenschen liegt. Ich bedaure zutiefst, dass unsere Gesellschaft auf die Perspektiven, Sichtweisen und Ideen von so vielen Menschen verzichtet, nur weil sie anders sind als die breite Masse unserer Gesellschaft und mit Problemen kämpfen die einem Großteil unserer Gesellschaft fremd sind.

Ich hoffe, dass ich mit meiner Tätigkeit einen Beitrag leisten kann, eine Gesellschaft zu realisieren die den Wert jedes Menschen erkennt und auf diese Weise die Inklusion nicht mehr als "soziale Pflicht", sondern als für die Gesellschaft wertvolle Notwendigkeit erkennt. Ich bin davon überzeugt, dass gerade das Potential behinderter Menschen, ihre Perspektiven, Sichtweisen und Ideen für uns alle zu sehr positiven Entwicklungen und Erkenntnissen führen wird.

Durch Beteiligung behinderter Menschen am wissenschaftlichen Diskurs sehe ich die Chance für behinderte Menschen

- Ihre Gedanken, Bedürfnisse und Perspektiven in einem öffentlich anerkannten Forum einzubringen und auf diese Weise auf eine große Zahl von Meinungsbildnern zu wirken.

- Ihre Perspektiven und Sichtweisen der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen und somit die wissenschaftliche Forschung und die gesellschaftliche Entwicklung zu beeinflussen.

- Über diese von der Öffentlichkeit wahrgenommene Tätigkeit, eine Veränderung der öffentlichen Meinung und damit der Gesellschaft zu erreichen und so eine generelle Veränderung der Werte unserer Gesellschaft einzuleiten.

- Den Grundstein zu einer inklusiven Gesellschaft zu legen in der Menschen nicht nach ihren Einschränkungen sondern nach ihren Möglichkeiten geschätzt werden und das Bewusstsein entsteht, dass jeder Mensch auf seine Weise ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist.

Unsere Gesellschaft kann nur auf die Bedürfnisse behinderter Menschen eingehen, wenn diese Bedürfnisse auf einem Niveau kommuniziert werden, das als Grundlage für Entscheidungen anerkannt ist. Die Wissenschaft erscheint mir als weitgehend unabhängige Instanz, als Plattform für eine seriöse und zielgerichtete Auseinandersetzung unter Teilnahme der Behinderten selbst sehr geeignet.

Ich bin überzeugt, dass eine solche Entwicklung den Umgang von nicht behinderten mit behinderten Menschen in unserer Gesellschaft ebenso wie die Gesellschaft selbst grundlegend und positiv verändern wird.



Literaturverweis:

BURKART, Roland
(1996): Verständigungsorientierte Öffentlichkeitsarbeit. Der Dialog als PR-Konzeption. In: Günter Bentele/Horst Steinmann/Ansgar Zerfaß (Hrsg.), Dialogorientierte Unternehmenskommunikation: Grundlagen - Praxiserfahrungen - Perspektiven. Berlin: Vistas 1996, S 245-270

BURKART, Roland
Verständigungsorientierte Öffentlichkeitsarbeit: ein Modell zum Umgang mit gesellschaftlichen Konflikten. In: Österreichische Hochschulzeitung (ÖHZ) 5/1992/S 3-4






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[1] BURKART, Roland (1996): Verständigungsorientierte Öffentlichkeitsarbeit. Der Dialog als PR-Konzeption.